Kommentar zum SZ-Artikel vom 13.3.25
Der Fall Gelbhaar offenbart ein doppeltes Versagen: Das der einzelnen Akteur*innen und das der Institutionen. Beide Ebenen sind miteinander verwoben und verstärken sich gegenseitig in einem toxischen Kreislauf.
Auf der individuellen Ebene sehen wir das klassische Muster: Frauen, die übergriffiges Verhalten "einpreisen" müssen, um ihre Karrierechancen nicht zu gefährden, und Männer in Machtpositionen, die sich keiner Schuld bewusst sind - oder sein wollen.
Diese persönliche Dynamik wird durch ein institutionelles Versagen verstärkt: Selbst die Grünen, die sich Feminismus auf die Fahnen geschrieben haben, finden keinen konstruktiven Umgang mit Grenzverletzungen unterhalb der Strafbarkeitsgrenze.
Der reflexhafte Verweis auf Strafverfolgungsbehörden zeigt die Hilflosigkeit des Systems. Er wertet nicht nur die Erfahrungen Betroffener ab, sondern verhindert auch die notwendige Auseinandersetzung mit der eigentlichen Problematik: dem verantwortungsvollen Umgang mit Macht.
Was wir brauchen, ist ein Paradigmenwechsel auf beiden Ebenen. Institutionell bedeutet das: Eine neue Kultur des Umgangs, die Grenzverletzungen als solche anerkennt - auch wenn sie nicht strafbar sind. Die sowohl Betroffenen als auch Beschuldigten Räume für Artikulation und Reflexion bietet, jenseits juristischer Eskalation.
Auf der individuellen Ebene heißt das vor allem: Den Fokus von den Betroffenen auf die Verantwortlichen zu verschieben. Statt "protect your Nachwuchspolitiker*innen" muss es heißen: "educate your Mandatsträger*innen". Wer Macht erhält, muss lernen, damit umzugehen. Das bedeutet verpflichtende Schulungen, kontinuierliche Reflexion und klare Konsequenzen bei Fehlverhalten.
Nur wenn wir beide Ebenen zusammendenken und verändern, können wir den Kreislauf durchbrechen, in dem Grenzverletzungen entweder totgeschwiegen werden oder juristisch eskalieren. Der Fall Gelbhaar zeigt: Es ist höchste Zeit dafür.