"Adolescence": Wenn Männer Frauenhass entdecken

Kommentar zu Auslassungen in der Serie

 

Die Netflix-Serie "Adolescence" hat mit ihrer Darstellung männlicher Radikalisierung einen weltweiten Nerv getroffen. Doch während Millionen Zuschauer*innen in vier Single Shots gebannt zusehen, wie ein 13-jähriger zum Mörder wurde, bleibt die Antwort auf die Frage nach dem „Warum“ extrem eindimensional. Eine kurze Analyse der vielleicht wichtigsten – und gleichzeitig problematischsten – Serie des Jahres.

 

Patriarchat mal wieder Elefant im Raum

 

Die Serie versäumt es, Stereotype und patriarchale Hierarchien als grundlegendes Problem beim Namen zu nennen. Es wird eine Umgebung gezeichnet, in der Jamies Tat höchst unwahrscheinlich erscheint, um sie dann hauptsächlich dem Internet und sozialen Medien zuzuschreiben. Das Umfeld NICHT zu beschuldigen war dabei volle Absicht, wie der Autor Jack Thorne im Gurardian schreibt:

 

„Vor zweieinhalb Jahren rief mich Stephen Graham an und fragte mich, ob ich Interesse hätte, eine Sendung über Messerangriffe zu machen. Er wollte über die Gewalt junger Männer gegen Frauen berichten und hatte zwei Bedingungen: Er wollte es in einer Serie von Single Shots machen und er wollte nicht den Eltern die Schuld geben. Ich war begeistert und schlug vor, dass wir zusammen schreiben. Am Anfang wussten wir nicht, warum Jamie, der Täter, es getan hatte. Wir wussten, dass er kein Produkt von Missbrauch oder Traumatisierung war. Aber wir konnten einfach kein Motiv finden. Dann sagte jemand, mit dem ich zusammenarbeite, Mariella Johnson: ‚Ich denke, ihr solltet euch mit der Incel-Kultur beschäftigen.‘“

Jack Thorne in ‘The younger me would have sat up and nodded’: Adolescence writer Jack Thorne on the insidious appeal of incel culture, The Guardian, 18.03.25. (Eigene Übersetzung)

 

„Aber wir konnten einfach kein Motiv finden.“ 

 

Die Autoren (Jahrgang 1978 und 1973) waren also bis dahin komplett ahnungslos und eine Frau hat ihnen einen Tipp gegeben. Leider haben sie danach nicht weiter in Erwägung gezogen, dass Frauen noch mehr über dieses Thema wissen könnten.

 

Zahlreiche Forscherinnen und Aktivistinnen arbeiten seit Jahrzehnten zu Gewalt gegen Frauen, Incel-Kultur und Online-Radikalisierung. In keinem Interview, in keinem Making-Of wird das benannt. Die Macher ignorieren schlicht, dass es Gewalt gegen Frauen nicht erst gibt, seitdem es ihnen zufällig aufgefallen ist.

 

Male team, mal gaze 

 

Dass sich ein privilegierter „male gaze“, also der Blickwinkel von Männern, durch die Serie zieht, liegt auch am Team. „Adolescence" wurde hauptsächlich von Männern gemacht. Von den Produzent*innen sind 12 von 16 männlich, das Drehbuch stammt von Jack Thorne und Stephen Graham, Regie führte Philipp Barantino. Musik, Cinematography, Casting – überall Männer. Außer bei Kostüm und Make-up, versteht sich. (Quelle: IMDb, 2025)

 

„Male gaze“ -Momente

  • Der Vater steht im Mittelpunkt, Mutter und Tochter laufen nebenher. Ihre emotionalen Zustände werden nur am Rande betrachtet. Hätte man die Mutter oder die Schwester in Folge 4 in den Mittelpunkt gestellt, wäre viel deutlicher geworden, wo überall casual Misogynie am Start ist. 
  • Mutter und Tochter regulieren den Vater ganz selbstverständlich emotional.
  • Katies Freundin Jade beschreibt ihre Freundschaft zu Katie in einer Weise, wie häufig Männer auf Frauen schauen, und zwar nicht als eigenständige Person, sondern in ihrer Funktion für sie. (Angry Black Woman Stereotyp gab’s noch obendrauf.)
  • Die Lehrkräfte, die sich in der Schule kümmern, sind Frauen. Die strengen und die abgef*ckten sind Männer.
  • Während wir viel über das Privatleben von Polizist Branscombe erfahren, bleibt seine Kollegin Frank eine flache Figur. Ihre Hauptaufgabe scheint darin zu bestehen, ihren männlichen Kollegen in seinem Wunsch zu bestärken, sich seinem Sohn wieder anzunähern.
  • Es wird suggeriert, dass Katie Jamie gemobbt haben könnte, was Jamie zu Recht verletzt haben könnte. #victimblaming

 

Internet als Ursache won’t cut it 

 

Die Serie findet in den soziale Medien die Hauptursache für Jamies Radikalisierung. In der Schule sind Bildschirme und Handys allgegenwärtig und werden als störend und unpersönlich inszeniert. Aber Misogynie ist älter als das Internet.

Die Serie verpasst, patriarchale Strukturen in allen Lebensbereichen als Ursache für Frauenhass zu thematisieren. Nur wer bereits sensibilisiert ist, kann diese Strukturen in der Erzählweise, in den Figuren und in ihrem Verhalten erkennen. 

Alle andere sehen, was man ihnen zeigen will: Dass die Technologie Schuld ist, und nicht die Ideologien, die durch sie vermittelt werden. Ideologien, die unser gesamtes gesellschaftliches und kulturelles Leben durchdringen, unsere Erziehung, unsere Politik, Wirtschaft, alles.

 

Nährboden des Alltags

 

"Adolescence" ist zweifellos eine wichtige Serie, die ein großes Problem thematisiert. Sie ist toll gespielt und produziert. Aber sie vermittelt kein tieferes Verständnis männlicher Gewalt, und das liegt daran, dass die Macher sie selbst nicht verstanden und nicht richtig zugehört haben.

 

Eine bessere Darstellung hätte die Notwendigkeit eines Wandels betont, der weit über eine Einladung zum Mittagessen von Vater zu Sohn hinausgeht (der Polizist versucht so, die Beziehung zu seinem eigenen Sohn wieder aufzunehmen).

Trotzdem ist zu hoffen, dass "Adolescence" eine breitere Diskussion anstößt und Eltern für die Gefahren sensibilisiert, denen ihre Kinder online ausgesetzt sind – aber bitte ohne zu vergessen, dass der Nährboden, auf den der Frauenhass fällt, in unserem „ganz normalen“ Alltag entsteht.

 

 

PS: Lest auch das ganze Interview mit Thorne im Guardian (auf englisch, aber deepl übersetzt das schnell). Es spricht Bände über die Auslassungen der Serie. Ich denke, die Macher hätten sich erstmal weiterbilden sollen, bevor sie ein Drehbuch zu etwas schreiben, das sie offenbar nicht begriffen haben. Aber das ist natürlich nur meine Meinung. 

 

Zu den Themen rund um das Aufwachsen mit Männlichkeitsidealen möchte ich euch das Buch "Boy Mum" von Ruth Whippman empfehlen. Umfangreich und aktuell recherchiert ist das Buch fachlich fundiert und gleichzeitig persönlich geschrieben – eine wertvolle Ressource für Eltern, die vor allem Fragen zu ihren Söhnen zwischen Tate und #metoo haben.