Strafrecht allein reicht nicht
Der Ruf nach neuen Gesetzen ist derzeit laut, aber: das Problem in Deutschland war und ist nicht nur die Strafnorm, sondern die institutionelle Verarbeitung sexualisierter und geschlechtsspezifischer Gewalt. Neue Gesetze helfen, aber sie lösen nicht automatisch Defizite bei Polizei, Staatsanwaltschaften, Gerichten, Beweissicherung, Opferschutz und Fortbildung. Genau auf diese Umsetzungsseite zielen internationale und fachliche Kritiken, insbesondere im Rahmen der Umsetzung der...
Großglockner-Fall: Warum 5 Monate auf Bewährung nicht genug sind
Kerstin G. ist tot und das Gericht verurteilte Thomas P. zu 5 Monaten auf Bewährung und einer Geldstrafe. Dieses Strafmaß halte ich für nicht angemessen, selbst dann, wenn ich vom für ihn günstigsten Szenario ausgehe, nämlich dem, dass Kerstins Tod nicht beabsichtigt war. Es gibt gute Gründe, das zu bezweifeln, aber es braucht die Tötungsabsicht nicht, um die Entscheidung zu kritisieren…
12 Fragen zu gendersensibler Therapie & Beratung an Jo Lücke
1/12 Frau Lücke, welche Grenzen der Psychotherapie werden Ihrer Meinung nach oft übersehen? „Das größte Missverständnis ist, dass man alle Probleme lösen kann, wenn man nur ‚an sich arbeitet‘. Oder dass man nur ‚die richtige‘ Methode braucht, um den Alltag zu bewältigen. Viele Herausforderungen, aufgrund derer Menschen Hilfe suchen, haben strukturelle Ursachen – wie etwa die ungleiche Verteilung von Sorgearbeit oder Rollenerwartungen. Therapie oder Coaching kann helfen, diese...
Die Carewerkschaft: Warum wir Sorgearbeit neu denken müssen
Stellen wir uns vor, die größte Arbeitgeberin Deutschlands hätte keine Tarifverträge, keine Arbeitsschutzbestimmungen und würde nicht einmal Löhne zahlen. Undenkbar? Genau das ist die Realität für über 20 Millionen Menschen, die täglich unbezahlte Sorgearbeit leisten. Die von mir (Jo Lücke) und Franzi Helms gegründete Liga für unbezahlte Arbeit (LUA) setzt genau hier an – mit einem revolutionären Ansatz, der das Potenzial hat, unser Verständnis von Arbeit grundlegend zu...
„Und was ist mit der Financial Load? Die tragen ja meistens die Männer!“
Natürlich gibt es auch einen „Financial Load“ – also den Druck und die Verantwortung, als Haupt- oder Alleinverdiener*in die finanzielle Existenz der Familie zu sichern. Dieser Druck ist real und kann enorm belastend sein. Allerdings sehe ich ihn nicht als „andere Seite“ des Mental Load, sondern als Teil desselben Problems: ungleiche Verteilung von Verantwortung innerhalb der Familie und eine gesellschaftliche Überbewertung von Erwerbsarbeit gegenüber unbezahlter Sorgearbeit. Ein...
"Adolescence": Wenn Männer Frauenhass entdecken
Kommentar zu Auslassungen in der Serie Die Netflix-Serie "Adolescence" hat mit ihrer Darstellung männlicher Radikalisierung einen weltweiten Nerv getroffen. Doch während Millionen Zuschauer*innen in vier Single Shots gebannt zusehen, wie ein 13-jähriger zum Mörder wurde, bleibt die Antwort auf die Frage nach dem „Warum“ extrem eindimensional. Eine kurze Analyse der vielleicht wichtigsten – und gleichzeitig problematischsten – Serie des Jahres. Patriarchat mal wieder Elefant im Raum...
Verschwendet nicht eure Kraft! Zur Debatte über die Kürzung des Elterngelds
Während über die mögliche Abschaffung des Elterngelds diskutiert wird, sollten wir uns fragen: Wollen wir wirklich unsere Energie darauf verwenden, ein System zu verteidigen, das von Anfang an die Falschen privilegiert hat? Das Geringverdiener*innen systematisch benachteiligt und Care-Arbeit nur dann würdigt, wenn sie von gut verdienenden Menschen geleistet wird? (Lest hierzu den Text von Teresa Bücker „Mit Antifeminismus den Haushalt flicken“.) Jetzt ist der Moment, größer zu...
Vom Einpreisen zum Umdenken - Was der Fall Gelbhaar über Macht und Verantwortung lehrt
Kommentar zum SZ-Artikel vom 13.3.25 Der Fall Gelbhaar offenbart ein doppeltes Versagen: Das der einzelnen Akteur*innen und das der Institutionen. Beide Ebenen sind miteinander verwoben und verstärken sich gegenseitig in einem toxischen Kreislauf. Auf der individuellen Ebene sehen wir das klassische Muster: Frauen, die übergriffiges Verhalten "einpreisen" müssen, um ihre Karrierechancen nicht zu gefährden, und Männer in Machtpositionen, die sich keiner Schuld bewusst sind - oder sein...
Der Aufstiegsmythos als Stolperstein der Linken
Der Sonntag brachte ein richtig gutes Ergebnis für Die Linke, und doch haben andere die Wahl gewonnen…
Lesetipps
Raising Feminists This article considers the reasons for raising feminist children, how this concept might be operationalized, and what the correlates of such gender-flexible patterns might be. The data pertinent to gender-role acquisition and gender flexibility are drawn from an ongoing longitudinal study of over 200 children and their families that originated when the children were 6 months of age and continues until they enter school at age 6. Results suggest that despite the overdetermined...
Was ist eigentlich "toxische Weiblichkeit"?
„Toxische Weiblichkeit“ beschreibt ein Verhalten, das auf verinnerlichten, patriarchal geprägten Vorstellungen dessen beruht, was „richtige Weiblichkeit“ ausmacht: Passivität, Geduld, Liebenswürdigkeit, Freundlichkeit, Empfänglichkeit, Bereitschaft zur Anpassung. Das Resultat ist eine Selbstverleugnung und -ausbeutung, um andere zu akkommodieren, das heißt: es ihnen recht zu machen und generell möglichst unkompliziert bzw. keine Belastung zu sein…
Zwei Fragen, die Greta Gerwigs Film "Barbie" genial beantwortet
Was bleibt vom stereotypen Mann, wenn er nicht als Ernährer, Sexpartner, Beschützer oder zur Fortpflanzung gebraucht wird? Ken. Der prototypische Ken im Barbie-Film ist kein Abbild eines prototypischen Mannes, sondern personifiziert die emotionale Abhängigkeit männlich sozialisierter Personen von Frauen, die sie mit Selbstwert, Bestätigung und Beziehungskompetenz ausstatten. Beim Zuschauen wirkt es, als würden Kens Gemütszustände übermäßig stark betont, um ihn zu einer...
Was ist "Equal Care"?
Equal Care bezieht sich auf die faire Verteilung von Sorgearbeit zwischen den Geschlechtern, um eine ausgewogene Work-Life-Balance für alle Familienmitglieder zu erreichen. Das Konzept von Equal Care basiert auf der Idee, dass die Verantwortung für die Pflege von Kindern, älteren oder kranken Familienmitgliedern nicht allein auf den Schultern von Frauen liegen sollte. In meinem Buch, das am 02.11.23 bei Droemer Knaur erscheint, erweitere ich diese Definition, was weitreichende Implikationen für unser Verständnis von Care-Arbeit hat…
Mental und Emotional Load: Was ist das eigentlich?
Die Initiative Equal Care Day definiert Mental Load folgendermaßen: "Mental Load bezeichnet die Last der alltäglichen, unsichtbaren Verantwortung für das Organisieren von Haushalt und Familie im Privaten, das Koordinieren und Vermitteln in Teams im beruflichen Kontext sowie die Beziehungspflege und das Auffangen der Bedürfnisse und Befindlichkeiten aller Beteiligten in beiden Bereichen. Ein Beispiel: Wer ein Kind zum Termin bei der Kinderärztin bringt, übernimmt Care-Arbeit und hilft mit....
Über die Rolle von Zeit
Eins meiner wichtigsten Learnings in 5 Jahren gleichberechtigter Elternschaft ist, dass Zeit für beide Partner*innen gleich viel wert sein muss. Das bedeutet, dass ein Elternteil dem jeweils anderen die gleiche Wertschätzung für dessen Zeit entgegenbringt: "Deine Zeit ist genauso wertvoll wie meine Zeit." In einer Welt, die die Zeit von Menschen sehr unterschiedlich bewertet, ist das nicht trivial. Eine Hausfrau zum Beispiel verdient kein Geld. Ihre Zeit "kostet nichts". Sie gilt damit als...
"Weaponized Incompentence" (strategische Inkompetenz) – Was ist das eigentlich?
Definition von Jo Lücke: "Weaponized Incompetence", oder auf Deutsch: Die als patriarchale Waffe instrumentalisierte Inkompetenz – auch: Strategische Inkompetenz – beschreibt ein Verhalten, bei dem eine able-bodied Person vorgibt, eine Aufgabe nicht erfüllen zu können oder absichtlich an ihr scheitert, um zu vermeiden, künftig für diese Aufgabe zuständig zu sein oder noch einmal mit der Erledigung beauftragt zu werden. Weaponized Incompetence dient der Legitimation von...
Was ist eigentlich die "motherhood penalty"?
Der Begriff "motherhood penalty" oder "Mutterschaftsstrafe" bezeichnet die Einkommenseinschnitte, die Frauen nach der Familiengründung in Kauf nehmen müssen, während Väter keinerlei Einbußen zu verzeichnen haben. Bevor sie Eltern werden, entwickelt sich der Verdienst von Männern und Frauen ähnlich. Nachdem jedoch ein Kind dazu kommt, erleben Frauen (statistisch betrachtet) einen starken, unmittelbaren und anhaltenden Verdienstrückgang, während Männer davon im Wesentlichen nicht...
Warum ihr Kinder bekommen habt
Am 24. und 25.08.22 habe ich auf Instagram 5500 Follower*innen in der Story gefragt: Warum habt ihr ein Kind (oder mehrere) bekommen? Rund 600 Personen haben die Story gesehen und 87 Personen (weiblich gelesen) haben auf den Fragensticker geantwortet. Das waren die 10 häufigsten Antworten: